| Sonntag, den 29. Mai 2011 um 19:22 Uhr |
Störende GlockenNächtliches Kirchengeläut belastet den Schlaf von Anwohnern stärker als bisher angenommen, sagt eine Studie von ETH und EMPA. Kopiert aus NZZ 21.5.2011, p. 21 Autor: Alois Feusi Glocken stören stärker als bisher angenommenSeit Mitte der neunziger Jahre kommt es im Kanton Zürich regelmässig zu Klagen wegen nächtlichen Kirchengeläuts, die nicht selten vor Gericht entschieden werden müssen. Wegweisend ist dabei ein Spruch des Bundesgerichts aus dem Jahr 1999, in welchem die Glockenschläge der reformierten Kirche Bubikon um 6 Uhr früh für rechtens erklärt worden waren. Unter Berufung auf eine Stellungnahme des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal), dem heutigen Bundesamt für Umwelt (Bafu), hatte das Bundesgericht die Aufwach-Schwelle durch Glockengeläut bei am Ohr gemessenen 60 Dezibel definiert. Das Buwal hatte sich bei der Festsetzung dieses Wertes an früheren Untersuchungen zu den Auswirkungen von Verkehrslärm auf den Schlaf orientiert. Kein definierter SchwellenwertEine akustisch-schlafphysiologische Studie der ETH Zürich und der Empa stellt diesen Grenzwert nun aber in Frage. Die «quasi-experimentelle Feldstudie» bei 27 Versuchspersonen in der Nachbarschaft von 9 Kirchen im Kanton Zürich ergab, dass der kritische Maximalpegel, bei dem es möglich ist, dass jemand wegen Glockenschlägen aufwacht, wesentlich tiefer liegt als bisher angenommen. Dies hat Mark Brink, Privatdozent an der Abteilung Public and Organizational Health des ETH-Departements Management, Technologie und Ökonomie, am Mittwochabend im Rahmen des akustischen Kolloquiums der ETH Zürich erklärt. 15 Frauen und 12 MännerFür die Untersuchung stützten sich die Forscher auf Anrainer der Zürcher Kirchen Fluntern, Witikon und der Herz-Jesu-Kirche Oerlikon, der reformierten Kirchen von Schwerzenbach, Kilchberg, Fällanden und Wangen-Brüttisellen sowie der Winterthurer Kirchen Seen und Wülflingen. Man habe diese Gotteshäuser einzig aus logistischen Gründen ausgewählt, weil viel Gerät in die Untersuchungsgebiete habe transportiert werden müssen, erklärt Brink. «Es geht nicht um einzelne Kirchen, sondern um den grundsätzlichen Wirkungszusammenhang zwischen dem am Ohr wirkenden Maximalpegel und der Aufwachwahrscheinlichkeit.» 90 Prozent Reduktion möglichMangels verlässlicher Daten über Läutpläne und Läutzeiten sämtlicher rund 5000 Gotteshäuser in der Schweiz lasse sich eine ähnliche landesweite Analyse noch nicht erstellen, erklärt Mark Brink. Eine solche sei aber in Vorbereitung. Und anhand von Simulationsrechnungen lasse sich sagen, dass die Anzahl der nächtlichen Aufwach-Reaktionen durch nächtliche Glockenschläge um bis zu 90 Prozent reduziert werden könnte, so Brink, nämlich wenn in den Kernstunden der Nacht auf den Stundenschlag verzichtet oder dessen Schallpegel um 5 Dezibel reduziert würde. |